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Mutter werden ist nicht schwer, Stiefmutter sein dagegen sehr*

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Ein solches Wort muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen – und wenn man es hört, darf man genießen, wie es sich ins Ohr schmeichelt: la belle-mère. Wunderbar, nicht wahr?
So, und nun auf Deutsch: die Stiefmutter. Puuuh …

Es liegt aber keineswegs am holprigen Klang, dass die selbige Dame in Deutschland, ganz im Gegensatz zu Frankreich, keinen sonderlich guten Ruf genießt, obwohl es sie, siehe das Stichwort „Patchworkfamilien“, in stetig steigender Zahl gibt. Höchste Zeit also, sich dieses Phänomen mal etwas genauer anzuschauen – und das tut nun Barbara Tóth in „Stiefmütter“, erschienen im Residenz-Verlag:

9783701734399

Die Autorin, laut Klappentext „Mutter zweier Söhne im Volksschulalter und selber Wochenend-Stiefmutter“ und folglich mit der Thematik schon aufgrund eigener Erfahrungen wohlvertraut, widmet sich in ihrem 144 informative Seiten starken Buch also dem, so der Untertitel, „Leben mit Bonuskindern“; dies allerdings nicht nur mit dem Blick ins Hier und Jetzt, sondern inklusive eines höchst aufschlussreichen und genauen Abrisses zum Thema des Mutterbildes im deutschsprachigen Raum im Wandel der Zeit. Um unser heute noch vorherrschendes Verständnis der idealen Mutter zu erklären – und zu hinterfragen –, geht sie zurück bis zu Luther; dann begegnen wir Rousseau und Pestalozzi, und freilich fehlen auch die Gebrüder Grimm und Freud nicht. Hinzu treten darüber hinaus noch Darwin, der Soziologe William Hamilton und viele weitere.

Vergleiche mit der Tierwelt, etwa mit den Weißstirnspinten, einer Vogelart, werden herangezogen; zudem geht es ausführlich auch um Fragen der aktuellen Gesetzeslage und Rechtssprechung im Themenumfeld; schließlich wird sogar das topaktuelle Sujet Grundeinkommen mit eingebunden.

Und die Autorin scheut weder vor der Verwendung (freilich erklärter) Begriffe wie „Mütterismus“, „Fertility-Cluster“ oder „Aschenputtel-Effekt“ zurück noch vor Aussagen, die manchen als durchaus provokant erscheinen dürften. Ein Zitat mag das belegen – so schreibt sie, im Kontext von Evolutions- und soziologischen Theorien: „Aus soziobiologischer Sicht ist also auch die Mutterliebe nur ein von der Evolution geschaffenes und durchaus erfolgreiches Motivationssystem, das der Sicherung des eigenen Genpools dient und im Wandel der Zeit philosophisch, kulturell und ideologisch unterschiedlich aufgeladen wurde“.

Man sieht, das Buch versteht sich keineswegs als humorige Anekdotensammlung; vielmehr ist es eine zwar bestens lesbar geschriebene, nichtsdestotrotz aber sehr ernsthafte, gründlich recherchierte, wissens- und faktenorientierte Auseinandersetzung mit dem Thema, die mit ihrem vorletzten Kapitel, dem „Patchwork-Abc“ zur „Stiefmutterschaft im Alltag“, auch ganz konkrete Tipps bereithält, wie man das verbesserungsbedürftige Image der Stiefmutter tatsächlich verbessern – und es sich selbst dabei wesentlich leichter machen kann.

Tóth zitert die Publizistin Felicitas von Lovenberg, welche die Patchworkfamilie als „Familienform für Fortgeschrittene“ bezeichnet hat. Müttern – und übrigens auch Vätern –, die sich dieser fortschrittlichen Aufgabe stellen wollen oder müssen, in jedem Fall aber werden, sei dieses Buch hiermit unbedingt zur Lektüre empfohlen.

Und ihr findet es wie üblich im Buchladen eures Vertrauens oder direkt beim Residenz-Verlag.

*frei nach Wilhelm Busch

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