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Im Wald zwischen Himmel und Erde

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Ganz zu Anfang des 17. Jahrhunderts ließ William Shakespeare seinen Hamlet zu Horatio sagen: „There are more things in heaven and earth, Horatio, than are dreamt of in your philosophy“. Heutzutage ist uns diese Aussage zumeist in der etwas schiefen Übersetzung „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als eure Schulweisheit sich träumen lässt“ bekannt. Doch wie auch immer: bezüglich seines Inhalts findet das nur wenig Gnade in unserer durchrationalisierten Zeit. Und dabei muss es sich ja keineswegs gleich, wie etwa dem armen Hamlet geschehen, um eine so horrible Sache wie eine Geistersichtung handeln – was aber hielte wohl der aufgeklärte Mensch von der Behauptung, ein Kuscheltier wäre lebendig?

Und genau da liegt Henrys Problem, wie wir in der ausnehmend schönen Geschichte „Leos wundersame Reise“ von Pamela Zagarenski, bei Knesebeck erschienen und ab 4 Jahren empfohlen, alsbald erfahren werden.

9783957280657

Henry und Leo also. Wie man sieht, sind die beiden eigentlich unzertrennlich:

01_Leos wundersame Reise

Und deshalb nimmt Henry Leo auch ganz selbstverständlich mit zu einem samstäglichen Waldspaziergang mit der Familie, denn „Leo liebt den Wald“, wie Henry erklärt. Zwar betrübt es ihn, dass seine große Schwester daraufhin verkündet, Leo könne, da er ein Stofftier und somit nicht lebendig sei, doch überhaupt nichts lieben; aber zum Glück weiß Henry es besser.

Nun, der Spaziergang wird ein langer, und auf dem Heimweg schläft Henry auf Papas Schultern ein … um, wieder daheim und schon in seinem Bett, mit der schrecklichen Erkenntnis zu erwachen, dass Leo fort ist! Er muss im Wald geblieben sein!

Eine sofortige Suche im nahen Umfeld des Hauses bleibt ergebnislos. Was nun? „Leo fürchtet sich bestimmt“, sagt Henry zu seiner Mutter – aber das kann er ja gar nicht, schließlich ist er nicht lebendig, wie der geschulte Verstand der Mutter erkennt. Nur, hilft diese Erkenntnis Henry? Und hilft sie Leo?

Jetzt aber wechselt diese wunderbare Geschichte ihren Schauplatz, weg vom Haus der Familie, hinein in den Wald, dahin, wo Leo verloren ging …
… und was sich dort nun zuträgt, wird ohne Worte, nur mit Bildern erzählt – und es bedarf auch keiner Worte, denn so verträumt und verspielt, so voller Fantasie und Farbigkeit, so erzählerisch verdichtet und so kraftvoll, wie diese großformatigen (28,0 x 22,5 cm) Bilder sind, würden Worte nur stören.
Und freilich, Leo wird wieder nach Hause gelangen (man vergleiche dabei einmal die Tiere auf diesem und auf dem vorherigen Bild):

03_Leos wundersame Reise

Wie schon in ihrem in diesem Blog bereits vorgestellten Buch „Der Fuchs und die verlorenen Buchstaben“ erweist sich Pamela Zagarenski erneut als großartige Erzählerin in Worten (Übersetzung des Buches aus dem Amerikanischen wiederum von Gundula Müller-Wallraf) und, vor allem, in märchenhaften Bildern; als eine Erzählerin, deren wichtigstes Thema die Fantasie, die menschliche Vorstellungskraft ist – ein Kraft, die es zu bewahren, zu unterstützen und zu fördern gilt.
Denn was auch immer nun tatsächlich „in heaven and earth“ oder „zwischen Himmel und Erde“ existiert: was könnte es dort Schöneres geben als das Schöne, was wir uns vorzustellen in der Lage sind – und sei es auch nur die Lebendigkeit und Freundschaft eines Kuscheltieres.

Ihr bekommt dieses feine Buch wie üblich beim Buchladen eures Vertrauens oder direkt bei Knesebeck.

[Copyright für alle Illustrationen bei Pamela Zagarenski/Knesebeck Verlag]

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