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… ein Eisbär sein im kalten Polar*

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Ob nun willentlich oder unwillentlich, bewusst oder unbewusst: keine Geschichte erzählt nur sich selbst – denn jede Geschichte erzählt auch über sich selbst hinaus. Das heißt: zuerst begegnet uns für gewöhnlich die Handlung einer Geschichte. Doch während wir die Handlung kennenlernen, wandern unsere Gedanken fast automatisch über die reine Handlungsebene hinaus, und die Frage, was in der Geschichte passiert, führt auch zu der Frage, ob das für etwas stehen könnte …

Ein wunderbares Beispiel dafür ist „Herr Eisbär will nach Hause“ von Ronojoy Ghosh, bei Lingen erschienen und ab 4 Jahren empfohlen:

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Der Titel der deutschen Ausgabe benennt einen Wunsch, dem eine entsprechende Handlung folgt: denn Herr Eisbär, davon erzählt uns jetzt das Buch, macht sich alsbald auf den Weg nach Hause (von dem er allerdings, und das stellt ein durchaus größeres Problem dar, gar nicht weiß, was und wo es ist!). Im Original trägt dieses Buch den Titel „No Place Like Home“ – und schon befinden wir uns jenseits besagter reinen Handlungsebene: gilt dieser Satz nun bloß für Herrn Eisbär und erklärt damit sein Vorhaben? Oder gilt er ganz grundsätzlich? Gilt er für uns alle? Und wenn ja: was heißt das dann?

Doch schauen wir uns zunächst an, wie es bei Herrn Eisbär selbst läuft: gleich auf der ersten Seite begegnen wir ihm als einem ziemlich unleidigen Grantler – wie, ein Schmetterling zeigt sich? Her mit der Fliegenpatsche!

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Kleinen Jungs den Luftballon zerpieksen, Eis vom Eiswagen doof finden – aber warum ist er denn so mürrisch? Weil er seine Behausung nicht mag! Sie ist zu eng, befindet sich zudem in einer Großstadt – nein, Herr Eisbär muss weg von hier, er will dorthin, wo er wirklich zuhause ist! Jedoch, siehe oben: was und wo mag das nur sein?

Herr Eisbär macht sich auf den Weg. Er probiert den Dschungel – nein, der ist es nicht. Er versucht es im Gebirge – passt auch nicht. Die Wüste vielleicht? – oh weia! Das Meer taugt ihm schon eher, aber so ganz das Wahre, zumal auf hohen Wellenbergen, ist es ebenfalls nicht:

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Das Meer jedoch, es führt ihn schließlich dorthin, wo es „kalt und frostig“ ist – und „Herr Eisbär mochte diesen Ort“. „Hier war sein Zuhause, hier wollte er bleiben.“ Ein schönes Ende also einer ganz ruhig erzählten (Übersetzung ins Deutsche: Greta Lindberg), in anschaulichen, szenischen Tableaus auf doppelseitigem Querformat illustrierten und mit leisem Humor (man achte auf Herrn Eisbärs Reisebegleitung, siehe Cover!) ausgestatteten Odyssee.

Und darüber hinaus? Denkt man natürlich daran, dass sich der Lebensraum der Eisbären infolge der globalen Erwärmung zu deren Nachteil verändern wird; man denkt an Eisbären, die in Zoos gehalten werden, welche, so viel Mühe man sich auch geben mag, einfach nicht artgerecht sein können; und zudem fühlt man sich gerade heutzutage an das Schicksal viel zu vieler Menschen erinnert, die fern ihrer Heimat existieren müssen und eine Sehnsucht verspüren, die, vielleicht sogar für immer, ungestillt bleibt …

Hat Ronojoy Ghosh, in Indien geboren und in Australien lebend, das alles nun im Sinn gehabt, als er seine feine kleine Geschichte konzipierte und umsetzte? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Und sollen sich nun etwa alle kleinen Leserinnen und Leser (oder Betrachterinnen und Betrachter) seiner Geschichte Gedanken über mögliche Implikationen machen? Um Gottes Willen, keinesfalls! Aber wir größeren Leute, die wir diese Geschichte vielleicht vor- oder mitlesen: wir können, wenn wir wollen, über erweiterte Bedeutungen nachdenken (und wir müssen es nicht, wenn wir nicht wollen). Und das ist das Schöne an Geschichten!

Ihr bekommt dieses tolle Buch wie üblich bei eurem Buchladen ums Eck oder direkt bei Lingen.

*Grauzone, „Eisbär“

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