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Schwerter zu Pflugscharen – Bausteine zu Schwertern?

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Der Konflikt ist Teil des Seins. Jedweden Seins, nicht nur des menschlichen, sondern auch des tierischen und pflanzlichen Seins. Für Tiere und Pflanzen dürfte er als systemimmanent, vielleicht sogar als mitkonstitutiv gelten. Und für uns Menschen? „Friede auf Erden“, irgendwann einmal, wenn wohl auch erst in sehr, sehr ferner Zukunft, oder „bellum omnium pater“ für immer? Die aktuelle Lage gibt wenig Anlass zum Optimismus.

Um so wichtiger jedoch ist es, dass der Konflikt, und damit auch jene viel zu oft in seinem Gefolge auftretende hässliche Begleiterscheinung, nämlich die Gewalt, ein Thema in der Kindererziehung sind, dass dieser Themenkomplex im Zuge des Aufwachsens von Kindern nicht tabuisiert wird. Konflikterkennung, Konfliktbereitschaft, Konfliktfähigkeit, Konfliktmanagement, Konfliktvermeidung – es gibt viele Ansätze und Strategien, Kinder für das zu rüsten, was zumindest auf sehr lange Sicht noch ein Bestandteil des Lebens sein wird.

Welche Rolle hat dabei das Spielzeug inne? Kann, darf oder soll es gar den Themenkomplex Konflikt und Gewalt in dessen mannigfachen Ausprägungen thematisch aufgreifen? Wenn ja, wie? Oder soll es sich auf die rein friedlichen Aspekte der (menschlichen) Existenz konzentrieren? Falls das überhaupt so klar trennbar ist?

Wissenschaftler der neuseeländischen University of Canterbury erstellten und veröffentlichten kürzlich eine Untersuchung der Produkte des weltgrößten Spielzeugherstellers unter dem Aspekt der (Waffen-)Gewalt: „First, we analyzed the frequency of weapon bricks in [the company‘s] sets. Their use has significantly increased. Second, we empirically investigated the perceived violence in the [company‘s] product catalogs from the years 1978–2014. Our results show that the violence of the depicted products has increased significantly over time.“ Die Studie weist zwar einige Unschärfen auf, die die Verfasser auch nicht verschweigen. So muss nicht jeder „weapon brick“ zwingend als Waffe verbaut werden; umgedreht können an sich harmlose Bausteine in der Kombination mit weiteren Bausteinen zu Waffen umgewidmet werden. Die grundsätzliche Frage aber, die ausdrücklich nicht Bestandteil der Studie war, die sich alle Eltern jedoch stellen sollten, ist: Erzieht oder motiviert dieser konstatierte Anstieg an Gewalt bei Bausteinen in Spielsets und in den Katalogen denn Kinder, die damit in Berührung kommen, auch tatsächlich zur Anwendung von Gewalt? Oder könnte etwa, im Sinne eines Auslebens und Abreagierens, das Gegenteil der Fall sein?

Auf die Veröffentlichung dieser Studie beziehungsweise auf die Ergebnisse derselben sowie auf die vergleichbare Entwicklung im Umfeld von Spielekonsolen reagierte nun wiederum ein namhafter Hersteller von Konstruktionsbaukästen so: „Diesem Trend wird [das Unternehmen] nicht folgen. Der Spielwarenhersteller vermittelt mit seinen Konstruktionsbaukästen anschaulich und ‚begreifbar‘ technische und naturwissenschaftliche Grundlagen und macht Kinder neugierig auf weitere Entdeckungen.“ Wollte man jetzt allerdings den Advocatus Diaboli spielen, könnte man hier fragen: Und wenn Kinder dann entdecken, dass diese technischen und naturwissenschaftlichen Grundlagen auch die zumindest mechanische Basis für diverse Waffen(systeme) sein können? Oder dass selbst per se „friedliche“ Maschinen wie Traktoren oder Bagger für die Anwendung von Gewalt instrumentalisiert werden könnten? Vorlagen in der Realität gibt es – im Netz kursierte vor einiger Zeit ein Video, das Bauarbeiter in China bei einem veritablen Baggerkampf zeigt.

Apropos Realität – werfen wir jetzt noch einen Blick nach Griechenland. Der Mittdreißiger Nikos Papadopoulos, Physiker, promovierter Astronom und Vater eines kleinen Sohnes, ließ sich von dessen Kunststoff-Spielfiguren eines weithin bekannten Unternehmens aus dem mittelfränkischen Zirndorf dazu inspirieren, Alltagsszenen seiner Heimat – und darunter eben auch sehr viele, die keineswegs nur die heitere Seite des Lebens zeigen – mit ebendiesen Plastikmännchen nachzubilden. Diese Collagen stellte er dann ins Netz – zunächst noch unter Mitverwendung des originalen Produktnamens, mittlerweile, weil ihm dies herstellerseitig gerichtlich untersagt wurde, unter der Bezeichnung „Plasticobilism“ via blogspot und Facebook.

Eines ist jedenfalls unbestreitbar: Kein Spielzeug existiert in einem bezugsfreien Vakuum. Was natürlich auch für die gilt, die es herstellen, und für die, die schließlich damit spielen. Und dazwischen stehen dann die Eltern, die selbstverständlich wissen oder zumindest ahnen, dass auch das Private politisch und das Politische privat ist – dass also alles, was passiert, in einem großen, gewaltigen Netz aus wechselseitigen gesellschaftlichen Bezügen und gegenseitigen Beeinflussungen stattfindet, aus dem es sich nie loslösen lässt.

In einer Gesellschaft wird es immer wieder zu Konflikten, zu kleinen, größeren und sehr großen Reibungen zwischen den verschiedensten Interessen kommen. Dafür zu sorgen, dass Kinder lernen, diese Interessenkonflikte, seien sie noch so klein oder noch so groß, nicht mit den Mitteln der Gewalt, sondern mit denen des friedlichen Dialogs, des Verhandelns, des Interessenausgleichs zu lösen, ist eine der wichtigsten, höchsten und edelsten Aufgaben der Erziehung.

Welche Funktion welches Spielzeug dabei nun innehaben kann, darf und soll, das zu entscheiden obliegt zuallererst und ganz selbstverständlich eben den Eltern. Doch es ist eminent wichtig, sich diesen Meinungs- und Entscheidungsfindungsprozess als solchen immer wieder bewusst zu machen, und sich stets darüber im Klaren zu sein, welche Verantwortung mit ihm verbunden ist. Denn nichts ist egal, nichts darf egal sein.

Wir wünschen allen Eltern eine allzeit kundige und glückliche Hand bei ihrer Wahl.

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