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Wo Liam und die freakheads wohnen

Mit der Kunst ist’s ja meistens so: Entweder sie gibt einem gar nix – oder sie vereinnahmt einen.
Zu viel davon ist oft der ultimative Overkill, sodass man in Museen recht schnell einen Tunnelblick entwickelt.
Veranstaltungen wie der „altonale Kunstherbst“ sind da sehr dankbar: Auf recht überschaubarer Fläche präsentiert sich hier große künstlerische Vielfalt. Mit echten Perlen dazwischen.

So zum Beispiel der letzte Stand im ersten Gang, den wir durchlaufen. Bespielt mit drei völlig unterschiedlichen Ausstellungsthemen:
Karikaturen – viele Fußballer, aber auch Musiker, dann unheimlich liebevoll modellierte Puppen und Figuren – und schließlich handwerklich aufwändige Stencils.

Liam und die freakheads

Was das Ganze vereint?
Auf den ersten Blick: Ein amüsiert-abstrahierender Blick auf Typen. Die Faszination an Urban Art. Die Lust am Kreieren und Ausprobieren.
Und auf den zweiten Blick: Eine ziemlich kreative Familie. Der Stand nämlich, im Programm der Altonale als „Liam und die Freakheads“ ausgewiesen, ist der von den Tanzens. Bestehend aus dem fast vierzehnjährigen Zeichner und Karikaturisten Liam und dessen freakheads schöpfenden Eltern Manuela und Marcus. Letzerer ist auch der, der die abendlichen Stunden dazu nutzt, in mühevoller Kleinarbeit gerasterte Schablonen auszuschneiden.
Family Business also.

Uns hat natürlich brennend interessiert, wie das so funktioniert innerhalb der Familie. Schweißt die gemeinsame Tätigkeit zusammen? Oder führt so viel Gemeinsamkeit eher zu Konflikten?

Deshalb haben wir die drei zu Hause (was zugleich auch die Kreativwerkstatt ist) besucht.

Die Sache mit der Kreativwerkstatt ist uns als Erstes aufgefallen: Das Schaffen von Kunst ist bei den Tanzens nicht nur Hobby, sondern gemeinsam verbrachte Zeit und gelebter Inhalt. „Statt abends vor dem Fernseher die Füße hoch zu legen und zu zappen“, wie Marcus sagt.
So sind die drei Arbeitsplätze und die Sideboards mit Ausstellungsfläche dominierender Teil der Wohnfläche. Man kommt einfach nicht am kreativen Output vorbei.

works

Die Erfolgsgeschichte der Künstlerfamilie ist schon beachtlich:
Neun Jahre war Liam jung, als das erste von ihm illustrierte Fußballbuch unter dem Titel „Fußball vom Feinsten“ bei BoD veröffentlicht wurde. Als Familienprojekt.
Recht schnell folgte dann auch die Gestaltung verschiedener Sammelaufkleber für die nicht-kommerzielle Schweizer Panini-Alternative „tschutti heftli“ in den Jahren 2010, 2012 und 2014. Mittlerweile zieren Liams Zimmer deshalb diverse Portraits mit Signaturen der abgebildeten Prominenten. Von Pelé bis Samy Deluxe.
Seit 2011 gesellen sich zu Liams Zeichnungen auch die freakheads aus den Händen von Manuela und Marcus: handmodellierte Charaktere aus Rest- und Fundstücken. Vom verrosteten Nagel bis hin zur Winterjacke vom Sohnemann. Ein bisschen erinnern sie an Tim Burtons Charaktere: Leicht creepy und überaus liebenswert.

freakheads_wip

Seither sind alle drei kräftig am Promoten und Ausstellen ihrer Kunst. Von außen betrachtet scheint’s in Arbeit auszuarten.
Aber trotz Auftragsarbeiten (gerade macht sich Liam an eine Portraitreihe von deutschen Rappern für das HipHop-Magazin Juice) ist es wohl eher ein gemeinsamer Inhalt und ein Katalysator für die Familie.
Die Tanzens verbringen so viel Zeit miteinander, haben dadurch gelernt, sich gegenseitig zu supporten, aber auch zu kritisieren. Klar – es gibt auch mal Stunk. Wo gibt’s den nicht? – Aber unterm Strich geht’s um die Sache.
Derzeit ist ein weiteres Buchprojekt in Planung. Hauptdarsteller: die Heimatstadt Hamburg und die freakheads.

familie_tanzen

Und Liam mit seinen fast vierzehn Jahren? Ist es ihm nicht zu nervig, so viel Ziet nur mit den Eltern zu verbringen? „Nö. Ich hab ja auch noch meine Freunde. Aber das ist getrennt voneinander“, sagt er. Und Manuela bedeutet uns mit einem vielsagenden „Psst!“, dass wir dem Jungen mal lieber keine Flausen in den Kopf setzen sollen. Was alle drei zum Schmunzeln bringt.

Wie es denn weiter geht – und wie Liam seine Zukunft sieht, wollen wir wissen. Und das beantwortet er – überrascht von der „großen Frage“ – nach dem Ausschlussprinzip: „Jedenfalls nichts mit Physik!“. Worauf sich ein Gespräch darüber entspinnt, wie man künstlerisches Hobby und Beruf wohl vereinen könnte – was seine Eltern ihm durchaus wünschen würden.
Trotzdem gehört Bildung als Grundlage dazu. Weil man eben nie weiß, was wann wie helfen kann. Und auch für das Künstler-Dasein ist eine gute Allgemeinbildung Basis für das eigene reflektierte Tun.

Als wir die Tanzens dann nach einem sehr entspannten und netten Gespräch mit zwei Adoptiv-freakheads in der Tasche verlassen, bekommen wir dann einen Moment lang Einblick in den Alltag: Die Rapper warten ja noch. Und die Physik-Arbeit steht an. Und für den Nachmittag ist ein weiterer Termin auf dem Plan. Freizeitstress versus Lust. Was zu Verhandlungen führt („Aber ich hab doch heut schon gelernt!“)…
Family Business eben.

Wir versuchen, in unregelmäßigen Abständen über Family Businesses zu berichten: Was macht Familienleben aus? Wie gestalten Familien ihre gemeinsame Zeit?
Ihr habt auch ein Family Business, das wir unbedingt kennenlernen sollten? Meldet Euch unter redaktion@littlebigthings.de

Zu den freakheads geht’s hier
und zu Liams Fußball-Büchern und -zeichnungen geht’s hier

So, what do you think ?