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Big Brother is teaching you …

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Am 6. März 1995 erschien bei dem mittlerweile leider nicht mehr existenten Musiklabel L’Âge d’Or die erste Platte der Hamburger Band Tocotronic, die den interessanten Titel „Digital ist besser“ trägt.
Am 29. Februar 2016 veröffentlichte das US-Unternehmen Excelacom eine beeindruckende Grafik, die zeigt, was während einer Minute weltweit so alles im Internet passiert. Und das ist eine mehr als beeindruckende Menge.

Ist digital also wirklich besser? Hat das Digitale gesiegt? Sieht fast so aus:
Laut dem aktuellen „Kids and Apps Report 2016“ der Agentur KB&B – The Kids Group, der auf einer im April durchgeführten Online-Umfrage unter 2.086 Eltern mit Kindern zwischen 0 und 13 Jahren basiert, geht es mit der Digitalisierung von Familien im Sauseschritt voran. Smartphones und Tablets gehören mittlerweile fast zur Standardausstattung; dementsprechend stehen auch Apps hoch im Kurs.

Sich dieser Entwicklung gänzlich zu versperren wäre so anachronistisch wie unfair den Kindern gegenüber, denn natürlich besteht unsere Welt nach wie vor nicht nur aus Bits und Bytes, trotzdem sind jene heutzutage nicht mehr negierbare Bestandteile des Alltags und daher aus diesem auch weder wegzuwünschen noch wegzudenken.

Bildungseinrichtungen bzw. Menschen, die sich mit der diesbezüglichen Thematik befassen müssen, wollen oder sollen (Eltern also auch), reagieren darauf auf unterschiedlichste Weisen, die von notgedrungen-gequälter Akzeptanz, die allerdings eher einem verkappten Verdrängungsmechanismus (s.o.) gleicht, über ein zwar grundsätzlich wohlwollendes, aber nicht weiter intensiviertes Anreißen des Themas bis hin zu konkreter Fokussierung darauf reichen.

Zwei interessante Beispiele für letzteren Ansatz sollen hier kurz vorgestellt werden.

Das eine trägt den Namen AltSchool und existiert an bisher vier Standorten – in San Francisco, New York, Palo Alto und Chicago. Damit dürfte bereits klar sein, dass wir hier keine ernsthafte Bewerbungsempfehlung aussprechen wollen; vielmehr geht es darum, zu zeigen, wie konsequent manche das Thema Digitalisierung im Rahmen eines schulischen Auftrags umsetzen. Der geistige Vater des AltSchool-Projekts ist der ehemalige Google-Manager Max Ventilla. Big Data also als Hintergrund? In gewisser Weise tatsächlich: Im Kern geht es darum, das Lernen so individuell, aktuell und flexibel wie möglich zu gestalten – und zwar auf Basis einer nahezu vollständigen permanten Datenerfassung der lernbezogenen Abläufe während des Aufenthalts in der Schule. Und das schließt sowohl Schüler als auch Lehrer mit ein. Ziel ist es, das Bildungswesen so aus seiner hierarchischen Starre zu holen und mit der Wendigkeit von Start-ups zu versehen sowie die neuen Möglichkeiten bildungstechnologischer Software umfassend zu nutzen. Orwells Albtraum an der Penne, oder das dringend nötige Update auf Schule 2.0? Das muss jeder für sich – und seine Kinder – entscheiden.
Einen ausführlichen und höchst lesenswerten Artikel zur AltSchool gibt es jedenfalls hier in der Online-Ausgabe von brand eins.

Gleiches Thema – Digitalisierung und Lernen –, aber ein ganz anderer Ansatz: beginnend mit und basierend auf der grundsätzlichen Frage, wie ein Computer überhaupt funktioniert, geht es darum, Kindern die Welt der Einsen und Nullen sozusagen von innen heraus verständlich zu machen. Informatiker und Pädagogen aus Neuseeland haben dazu eine faszinierende Sammlung an Unterrichtsmaterialien zusammengestellt, die unter dem Namen „Computer Science unplugged“ darauf abzielt, durch Übungen und Spiele, die nun eben gerade ganz ohne reale Computer abgehalten werden, den Kindern dennoch deren Arbeitsweise nahezubringen! Durvchaus ähnlich auch die Herangehensweise der Finnin Linda Liukas: ihr Bilderbuch „Hello Ruby: Adventures in Coding“, bei Feiwel and Friends erschienen und ergänzt durch einen umfangreichen Internetauftritt, möchte verdeutlichen, dass es auch so schon viele alltägliche Vorgänge im Leben (nicht nur) von Kindern gibt, die den Prinzipien des Programmierens von Computern durchaus verwandt sind. Na, da lässt Scratch (was ist das denn?) doch gleich schon mal schön grüßen ;-)
Das Buch von Liukas gibt es nicht auf Deutsch; auch ist die Anwendung beziehungsweise Umsetzung im Unterricht der Vorschläge von „Computer Science unplugged“ an deutschen Schulen noch nicht gerade stark verbreitet – dabei liegen sie doch etwa hier, hier, hier und hier auch schon in deutschen (Teil-)Übersetzungen und Adaptionen vor …

In einigen Bundesländern hat die Schule bereits angefangen; in anderen wird sie es in den nächsten Wochen tun – das könnte doch nun eine prima Gelegenheit sein, sich mal mit den genannten Methoden zu befassen und eventuell den einen oder anderen Vorschlag elternseits zur Unterrichtsgestaltung zu machen.

Denn fest steht: Mag eine AltSchool auch (noch) als Bote einer teils etwas fragwürdigen Zukunft erscheinen, so sind wir trotzdem alle mitten auf dem Weg in eine Zeit, in der die Digitalisierung weiter wachsen und zunehmen wird – Kinder darauf adäquat vorbereiten zu wollen ist daher ein sehr verantwortungsbewusster Wunsch. Herauszufinden, auf welche Weise das dann idealerweise umzusetzen ist – das ist ein Prozess, über den sich so viele Eltern wie möglich Gedanken machen sollten, und an dem sich so viele Eltern wie möglich beteiligen sollten.

Denn ob sie nun besser ist oder nicht – real ist sie, die digitale Welt. Grund genug, sie mitzugestalten.

So, what do you think ?