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Der gestirnte Himmel über ihnen

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„Allen Kindern gewidmet, die der Welt fremd gegenüberstehen“ – doch dies ist kein Kinderbuch; der Verlag rubriziert es als Bilderbuch für Erwachsene …
Es geht um „Die Sternennacht“ von Jimmy Liao, erschienen bei Chinabooks:

jimmy_liao_die_sternennacht_cover_100dpi

Und tatsächlich: auch wenn in diesem Blog üblicherweise Bücher für Kinder vorgestellt werden, so ist das vorliegende Buch vor allem eines für das Kind im Erwachsenen, oder mehr noch eines für die Erinnerungen an jene eben nicht unbedingt immer nur glückliche Zeit, als man ein Kind war.

Der taiwanesische Illustrator und Autor Jimmy Liao, 1958 im Landkreis Yilan geboren, erzählt von der Begegnung zweier junger Menschen, eines Mädchens und eines Jungen (Übersetzung ins Deutsche von Marc Hermann). Erzählt wird aus der Perspektive des Mädchens, und visuell wird auf eine sehr szenische Art erzählt, die zuweilen fast schon an ein äußerst kunstvoll ausgearbeitetes Storyboard erinnert. Auf den 130 Seiten des im großen Format (26x19cm) herausgegebenen Buches finden sich immer wieder kleine Sprünge zwischen einzelnen Handlungsabschnitten, man könnte auch sagen: zwischen festgehaltenen Momenten oder Aussagen – dies jedoch unterbricht die Erzählung keineswegs, sondern hilft vielmehr, sie in gedankliche (Fort-)Schritte aufzuteilen, deren Zwischenräume die Leserschaft aktiv mit eigenen Gedanken zum Gelesenen, Gesehenen füllen kann.

Das Mädchen und der Junge, beide sind Außenseiter. In der Schule – der Junge ist ein Neuzugang in der Klasse des Mädchens – und auch außerhalb, wo der Junge vis-à-vis in direkter Nachbarschaft des Mädchens einzieht. Zunächst beobachtet sie ihn nur; doch als sie dann mitansehen muss, wie er von einigen Mitschülern übel zugerichtet wird, greift sie ein und verteidigt ihn. So entsteht ein Band zwischen den beiden.

Durch gemeinsame Unternehmungen festigt sich dieses Band, und irgendwann fassen Mädchen und Junge den Entschluss, eine (über weite Strecken wortlos, nur in Bildern erzählte) Reise raus aus der Stadt zu unternehmen, die sie bis hin zu jenem Ort führen wird, an dem das Mädchen früher bei seinen Großeltern gelebt hatte:

die_sternennacht_Kinder vor Haus_(c) Jimmy Liao

Dann gehen sie weiter, bis zu einem See in der Nähe. Mit einem Boot rudern sie hinaus, genießen den nicht in der Stadt, hier aber sichtbaren nächtlichen Sternenhimmel, und baden anschließend im See:

die_sternennacht_Sprung in die Sternenacht_(c) Jimmy Liao (3)

Und dann kehren sie wieder zurück, in die Stadt.
Diese Geschichte wird kein Happy End haben. Mädchen und Junge werden sich aus den Augen verlieren, und vor allem ist es die Melancholie, die Schwere dieses Endes, die aber auch große Teile der Geschichte prägt, welche das Buch eher einem erwachsenen Leserkreis zueignet.

Doch möge man sich davon nicht irritieren lassen: „Die Sternennacht“ (der Titel ist nicht von ungefähr derselbe wie der eines Gemäldes von van Gogh) begeistert vor allem als eine wunderbare, in ausdrucksstarkem und unverwechselbarem Stil gezeichnete Ode an die Freundschaft, an die Fantasie, an die Hoffnung; und sie ist eine selbstgewisse Aufforderung, sich der eigenen Besonderheit bewusst zu werden, sich selbst anzunehmen und die Kräfte zu entdecken, die so entstehen können. Und zumindest auszugsweise lässt sich dieses Buch durchaus auch mit Kindern anschauen, die vielleicht ebenfalls die in der Widmung genannte Fremdheit kennen …

Und ihr bekommt dieses außergewöhnliche Buch wie üblich beim Buchladen eures Vertrauens oder direkt bei Chinabooks; dort findet ihr auch noch viele weitere interessante Informationen zu Autor und Werk.

[Für alle Abbildungen: © Jimmy Liao]

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