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Nicht jedes Ende muss happy sein

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Märchen haben ja oft etwas sehr Archaisches, was sich dann gern auch in einer gewissen Bereitschaft zur Schilderung gewaltvoller Handlungen äußert. Kunstmärchen, Märchen also, die nicht der Volksüberlieferung entstammen, sondern eine klare Autorenurheberschaft vorweisen können, machen da nicht unbedingt eine Ausnahme. Das gilt auch für Hans Christian Andersens „Die kleine Meerjungfrau“. 1837 entstanden, weist sein Text zudem noch einige andere, nun, sagen wir mal: Besonderheiten auf, die aus heutiger Sicht als wirklich nicht mehr zeitgemäß eingestuft werden müssen. Zu erwähnen wäre da etwa die kritiklose Verwendung des Begriffes „Sklavinnen“.

Als Erwachsenenlektüre oder im Rahmen eines wissenschaftlichen Diskurses kann mit solchen Merkmalen offen umgegangen werden; ist der Text aber für (vor allem kleinere) Kinder gedacht, empfiehlt sich eine entsprechende Anpassung beziehungsweise Aufbereitung.

Eine hervorragende Fassung von Andersens Märchen liegt nun mit der ab 4 Jahren empfohlenen Hörbuchversion des Amor-Verlags vor, wunderbar gelesen von Iris Berben:

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Wie bereits das von Daniela Kulot sehr süß gestaltete Cover zeigt, handelt es sich also um eine altersgerecht „entschärfte“ Variante des Textes. Das heißt jedoch nicht, das nun etwa wesentliche, konstitutive Elemente fehlen würden! Die eine oder andere Verfilmung pfropfte der Geschichte ja tatsächlich ein Happy End auf – hier, in der Version des Amor-Verlags, müssen wir durchaus, zusammen mit der kleinen Meerjungfrau, auf das Liebesglück mit ihrem Prinzen verzichten. Auch das mitprägende Seelen-Motiv, welches ja schon im mythologischen Ursprung des Märchens, nämlich in der Undine-Sage, bedeutsam ist, wurde beibehalten; es darf also Eltern durchaus empfohlen werden, sich dieses Hörbuch zusammen mit ihren Kindern anzuhören und danach mit ihnen über das Gehörte zu reden.

Und das gemeinsame Hören lohnt sich allemal! Knappe 50 Minuten läuft die CD; sie ist in vier Kapitel unterteilt, die jeweils von kurzen, ruhig und eher melancholisch komponierten Musikstücken eingeleitet werden, das vierte Kapitel endet dann auch musikalisch. Die Stimme von Iris Berben wird nur hie und da dezent von Sound-Einspielungen ergänzt; ansonsten verlässt sich die Produktion zu Recht voll und ganz auf sie. Besonders gefällt dabei, dass die erzählenden Teile des Textes ohne jede unnötige Theatralik oder Überbetonung gesprochen werden. Bei der direkten Rede der Figuren geht Iris Berben dann einfühlsam und authentisch in die einzelnen Charaktere hinein, so dass man Meerjungfrau, Großmutter, Prinz oder auch Meerhexe sofort vor dem inneren Auge visualisieren kann. Von einer Schauspielerin ihres Kalibers darf man das zwar auch erwarten, aber natürlich freut man sich über so eine astreine Leistung.

Und noch ein tolles Plus: Der CD liegt ein von Sebastian Watzlawek sehr niedlich illustriertes Booklet mit Szenen der Geschichte zum Ausmalen bei. So können Kinder das Gehörte noch auf einer weiteren Ebene nachempfinden und verarbeiten – eine prima Idee ist das!

Neben der kleinen Meerjungfrau und weiteren Märchen-Einzeltiteln gibt es übrigens auch eine tolle Gebrüder-Grimm-Box mit acht Hörbüchern, von prominenten Sprechern vorgetragen, ebenfalls „gewaltbereinigt“, mit jeweils einem Ausmalbooklet versehen und zudem noch mit einem 10er-Pelikan-Wachsmaler-Set ausgestattet. Feine Sache!

Einzel-CDs und Boxset findet ihr im Fachhandel oder natürlich beim Amor-Verlag.

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