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Vom Unsicheren ins Ungewisse

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Millionen Menschen sind auf der Flucht. Alte und junge Menschen, Frauen, Männer, Mädchen, Jungen, kleine Kinder, Babys. Und jeder Mensch, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Hautfarbe, trägt mit sich sein eigenes Woher und Wohin, sein eigenes Wie und Warum – jeder Mensch hat seine eigene Geschichte der Flucht.

Wenn man nun ein Buch über dieses Thema schreiben will: soll man dann von einem einzelnen Schicksal, von der Flucht eines einzelnen Menschen bzw. einzelner Menschen erzählen, oder soll man über das Fliehen als tragische, globale Massenbewegung berichten?

Und dazu: wie kann es gelingen, über ein so schwieriges, komplexes Thema ein Buch für Kinder zu verfassen?

Dem seit seinem Erscheinen im Juni 2016 völlig zu Recht mit zahlreichen Nominierungen und vielen Auszeichnungen versehenen Buch „Die Flucht“ von Francesca Sanna, bei NordSüd erschienen, ab 4 Jahren empfohlen und von Thomas Bodmer aus dem Englischen übersetzt, gelingt das beinah Unmögliche – es erzählt uns aus der Sicht eines Jungen von dessen Flucht zusammen mit Mutter und Schwester, doch dabei erkennen und verstehen wir, als kleine und große (Vor-)Leser, was es ganz grundsätzlich bedeutet, fliehen zu müssen, was das für wohl jeden Menschen heißt, der fliehen muss:

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Der Ausgangspunkt dieser Flucht ist geografisch nicht eindeutig festgelegt; er scheint arabisch-muslimisch geprägt zu sein. Die Geschichte beginnt mit einem Rückblick auf Familientage am Strand,

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doch dann kommt der Krieg, dem eines Tages sogar der Vater zum Opfer fällt. Durch eine Freundin erfährt die Mutter von einem „Land weit weg von hier mit hohen Bergen“ (es könnte, Wohnort der Autorin, die Schweiz sein) – und so beginnt die eigentliche Flucht, die über etliche Stationen führen wird. Vieles zurücklassen zu müssen ist dabei ebenso Teil der ungewollten Reise wie Heimlichkeit und angstvolles Verharren in Wäldern,

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und auch die Bedrohung und Verfolgung durch Grenzwächter gehört dazu:

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Es ist in höchstem Maße beeindruckend, wie Francesca Sanna es schafft, diese doch aus der Ich-Perspektive des Jungen erzählten vielen Etappen der Flucht so exemplarisch werden zu lassen. Wir sehen zwar nur jene drei Menschen, die Mutter mit ihren beiden Kindern, und dennoch begreifen wir auf einmal, was es auch für uns selbst bedeuten würde, müssten wir fliehen.

Häufig lassen die oftmals bedrohlichen, immer berührenden, ja: faszinierenden Illustrationen auf hochwertigem Halbleinen die Erzählung fast wie ein Märchen wirken – doch es ist ein über weite Strecken sehr düsteres Märchen, dessen Ende offen bleibt. Zwar kann die Grenze überwunden werden, zwar gelingt auch die Passage über das (mutmaßliche Mittel-)Meer, aber während der anschließenden, tagelangen Zugfahrt beobachtet der Junge Vögel, grenzenlos fliegend:

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Und er sagt: „Ich hoffe, eines Tages anzukommen wie diese Vögel. In einer neuen Heimat, wo wir in Sicherheit sind und neu anfangen können“. So endet das Buch.
Natürlich wünschen wir selbst diesen nur fiktionalen Charakteren, dass ihre Sehnsüchte sich erfüllen mögen – um wie viel mehr sollten wir uns also darum kümmern, dass all die realen Millionen von Menschen auf der Flucht eine lebenswerte Zukunft haben!

Ihr bekommt dieses leider uneingeschränkt aktuelle, wichtige Buch wie üblich beim Buchladen eures Vertrauens oder direkt bei NordSüd.

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