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Die Macht der Bilder

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Das Sprichwort, ein Bild sage mehr als tausend Worte, wird so gern und so häufig verwendet (unter anderem auch schon in diesem Blog), dass es fast zu einem Allgemeinplatz verkommen ist. Höchste Zeit, es da wieder wegzuholen!

Ganz exzellent eignet sich dafür „Der Wal“ von Ethan und Vita Murrow, bei Prestel erschienen und ab 5 Jahren empfohlen:

Der Wal von Vita Murrow

Darüber hinaus darf man konstatieren, dass dieses fantastische Werk auch hervorragend verdeutlicht, was sich alles aus dem graphischen Aspekt in „Graphic Novel“ machen lässt. Denn Wörter sind äußerst rar in „Der Wal“ (wo vorhanden, wurden sie aus dem Englischen übersetzt von Birgit Franz). Tatsächlich gibt es sie nur am Anfang und zum Ende: da ist jeweils eine aufgeschlagene Zeitung zu sehen, die natürlich Artikel, also Text enthält; zudem findet sich zu Beginn des Buches eine Straßenszene mit einem Plakat an einer Hauswand.

Ein junges Mädchen mit einer Filmkamera studiert dieses Plakat, das von einem legendären „Getupften Riesenwal“ berichtet. Auch ein Junge, der sich offensichtlich mit akustischen Studien beschäftigt, erfährt von diesem phänomenalen Meeressäuger, dessen Echtheit noch nicht bewiesen ist; er liest darüber in besagter Zeitung:

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Die folgende Doppelseite lässt uns dann einen näheren Blick auf die Zeitung werfen. Durch ihren Leitartikel wird der Rahmen der Erzählung gesetzt: 50 Jahre ist es her, dass zwei jugendliche Angler den Wal gesehen haben wollen – jedoch ohne es belegen zu können. Anlässlich des Jahrestages fordert die Zeitung nun „alle Walforscher und Meereswissenschaftler auf, ihre Labore zu verlassen (…) und sich im Namen der Wahrheit und der Wissenschaft den Wellen zu stellen“.

Dieser Aufruf wird nicht ungehört verhallen. Und ab jetzt übernehmen die Bilder das ausschließliche Regiment! Sie erzählen uns, wie sich das Mädchen und der Junge nun unabhängig voneinander auf die Walexpedition vorbereiten und in See stechen; wie sie dann aber auf der Fahrt, jedoch zum Glück noch in der Nähe von halbwegs seichtem Gewässer, mit ihren Booten kollidieren, wodurch beide Boote zerstört werden; wie sie sich anschließend zusammenraufen, aus den beiden Wracks wieder ein ganzes Boot zusammenfügen; wie sie sodann, nun aber gemeinsam, als Team, erneut in See stechen:

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– und wie sich schließlich ein ganz besonderer, ein überwältigender Moment anbahnt:

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Tausend Worte könnten viel, sehr viel. Vielleicht müssten es auch gar nicht ganze tausend sein, um große Wirkung zu entfalten. Fest steht jedoch: Es wäre eine andere Welt, die sie erschaffen würden. Denn was die Graphitzeichnungen von Ethan Murrow mit den 32 Seiten und den 27 x 27 cm des Buches anzufangen wissen, welch grandiose Visualität sie der Handlung verleihen, das ist etwas ganz Eigenes, Spezielles, Beeindruckendes. Fast meint man, das Tosen des Windes zu hören und das Rauschen der Wellen, man meint, die Dünung zu spüren und die spritzende Gischt. Und wenn der Wal dann ins Sichtfeld gerät, und wenn er dann …

Doch Ehre, wem Ehre gebührt. Beschreiben lässt sich nur unzulänglich, was diese Illustrationen vermögen.
Nein, man muss sie sehen.

Das Buch findet ihr beim Buchladen in eurer Nähe oder direkt bei Prestel.

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