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Erst Süßes, dann Saures

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Nicht immer ist die titelgebende Person auch der Titelheld eines Buches. So gibt es im vorliegenden Fall neben Shonu insbesondere Bonbibi und Dakkhin Rai (dessen Name nur genannt werden darf, wenn das in einem Atemzug mit dem von Bonbibi geschieht), und natürlich, als erzählungsrelevanten Schauplatz, noch den Sundarban, den Wald der Schönheit, sowie, ganz wichtig, die Bienen inklusive Bienengöttin.
Und außerdem kann Shonu schon allein deswegen kaum ein Held sein, weil er den Titel des Buches in seiner betrüblichen Eigenschaft als „Der Honigdieb“ bestimmt!

Tja. Es wird, man ahnt es bereits, recht exotisch zugehen in diesem fantastischen Werk von Karthika Naïr (Text) und Joëlle Jolivet (Illustrationen), bei Kleine Gestalten erschienen und ab 3 Jahren empfohlen:
derhonigdieb_front
Nun also: In Bangladesch, am Golf von Bengalen spielt sie, die Geschichte; inspiriert wurden die Autorin und die Illustratorin von muslimischen und hinduistischen Mythen. Und es gibt eine Darstellung in diesem beeindruckenden, großformatigen Buch (24,7x30cm), die jenen doppelten Ursprung wunderbar widerspiegelt und gleichzeitig demonstriert, wie eine Koexistenz verschiedener Glaubensrichtungen nicht nur möglich sein, sondern die Aussagekraft und Wirkung bestimmter Legenden sogar noch befördern kann – besagte Bonbibi nämlich, die Schutzheilige des Sundurban, tritt dort zweifach, quasi als Zwilling auf, einmal gewandet in einen schimmernd grünen Sari, und einmal bekleidet mit einem Salwar Kamiz, die Haare mit einem langen Schleier bedeckt.

Da befinden wir uns allerdings schon sehr weit in dieser umfassenden, so mühelos von so vielem erzählenden Geschichte: Wir sind mitten in der Erzählung von einem Jungen, Shonu, der es vor Hunger nicht mehr ausgehalten hat, wir haben schon viel erfahren über das Leben der Menschen bei und in jenem uns so fremden Areal des Sundarban, wir sind Begriffen wie eben Salwar Kamiz oder auch Char (schwimmende Insel) begegnet und haben gelernt, wodurch sich ein Mangrovenwald auszeichnet, wir verstehen inzwischen, welche Rolle die Bienen in dieser Welt spielen, wir sind bereits tief eingetaucht in das Reich uralter Mythen um Schutzheilige wie Bonbibi und den mitunter recht grausamen Herrn des Südens und Rächer des Waldes, Dakkhin Rai; und leider haben wir auch gesehen, wie menschlicher Unverstand die uralten Gesetze des Lebens, die lebensnotwendigen Rhythmen der Natur missachtet.

Großes Lob gebührt dabei dem Text (Übersetzung aus dem Englischen: Anke Caroline Burger), der all diese kleinen und großen Themen schlüssig und reibungslos zu einer flüssigen Erzählung fügt; und begeistert und beeindruckt betrachtet man dabei die auf Linolschnitten basierenden Illustrationen, die zu gleichen Teilen den fremdländischen Aspekt der Geschichte unterstreichen und sie uns doch ganz nah, präsent und erfahrbar machen!

Manchmal wird es auf diesen Seiten ziemlich wild, manchmal auch ziemlich hart oder unheimlich zugehen – für Erstleser darf ein begleitetes Lesen empfohlen werden; und beim Vorlesen wird ebenfalls der eine oder andere erläuternde Kommentar angebracht sein.

Am Ende sehen wir dann Shonu, den Honigdieb, wie er wiedergutmacht, was er angestellt hat. Doch auf welche Art das geschieht (und wie ihn dabei schließlich sogar Dakkhin Rai unterstützt), das verleiht diesem außergewöhnliche Buch ohne Frage einen Platz bei den ganz großen Erzählungen von Mythen, Legenden und Sagen – die uns in ihrem Kern immer auch von unserer heutigen, jetzigen Welt berichten …

Read global, buy local – dieses großartige Buch bekommt ihr bei eurem Buchladen ums Eck oder direkt bei Kleine Gestalten.

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