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E pluribus unum – auf kolumbianische Art

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Von wem handelt dieses Buch denn nun eigentlich hauptsächlich – von Pedro? Oder von Johnny Tay? Handelt es von Piraten, oder von der 300 Jahre alten Papageiendame Victoria? Und die Karibikinsel, auf der die Geschichte größtenteils spielt, oder das sie umgebende, siebenfarbige Meer, samt seiner Bewohner? Sind sie nicht vielleicht sogar die heimlichen Hauptfiguren? Oder sind es am Ende gar alle zusammen? Und was ist denn überhaupt mit dem riesigen Brotfruchtbaum, der wie eine Krone auf dem höchsten Berg der Insel sitzt?

Wie dieser kleine Fragenkatalog zeigen mag, schwirren die Themen in „Das Glück ist ein Fisch“ von Melba Escobar de Nogales, mit Illustrationen versehen von Elizabeth Builes, bei Baobab erschienen und ab 9 Jahren empfohlen, herum wie die Sandmücken am Strand.

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Aber der Reihe nach. Im spanischsprachigen Original trägt diese „Erzählung aus Kolumbien“ den Titel „Johnny y el mar“; sie beginnt allerdings mit bereits genanntem Pedro, dessen Mutter ihm zu seinem zehnten Geburtstag eine Reise schenkt. Pedro lernen wir als einen sensiblen Jungen kennen, der wächst, wenn er glücklich ist – und schrumpft, wenn er traurig ist!

Im Moment jedoch passt er kaum noch in seine Kleider, denn auf die Reise zu besagter Insel freut er sich enorm. Nur leider hält seine Freude nicht an – am Urlaubsziel im Hotel angekommen möchte er wissen, wieso sein Vater nicht dabei ist: weil seine Eltern sich getrennt haben, wie seine Mutter ihm beichtet. Wütend stürmt Pedro daraufhin aus dem Zimmer, rennt hinunter zum Strand, und rennt und rennt und rennt am Meer entlang, bis er irgendwann erschrocken feststellt, dass er nicht mehr weiß, wo er ist!

„Um sich selbst zu finden, muss man erst verloren gehen“, so lautet die Überschrift des nächsten Kapitels – und in diesem trifft Pedro auf Johnny Tay, just als er eine Mango von einem Baum pflücken will. Der allerdings gehört Johnny, weswegen jener den ertappten Pedro sogleich als „Dieb!“ beschimpft. An dieser Stelle möchte man es zwar kaum glauben – aber das ist nun tatsächlich der Beginn einer wunderbaren Freundschaft!

Wie diese entsteht und sich entwickelt, davon berichtet uns die Autorin jetzt mit sichtlicher Freude am Erzählen (Übersetzung ins Deutsche: Jochen Weber); so lebendig weiß sie den Fortgang der Geschichte darzustellen, dass man fast schon mitschwitzt, wenn Pedro in schwüler Tropennacht unterm Moskitonetz legt, fast glaubt man, selber zu sehen, was er beim Schnorcheln erblickt:

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und wenn die Meeresbewohner dann kein Glück hatten und von Johnny als Mahlzeit zubereitet werden, läuft selbst dem herbivoren Verfasser dieser Zeilen das Wasser im Munde zusammen, so lecker wird das geschildert!
Obendrein gibt es dann ja auch noch Piraten, oder zumindest ausführliche Berichte über sie, vorgetragen von erwähnter Victoria – es ist also ein großes, buntes Vielerlei, welches uns hier präsentiert wird, unterhaltsam, spannend, besinnlich, zu Herzen gehend.
Freilich endet alles gut; die letzte der zahlreichen, so zarten wie kraftvollen Illustrationen zeigt uns Mutter und Sohn wiedervereint auf der Fahrt mit dem Chauffeur Howard und dem Labrador Whisky (wo der auf einmal herkommt, das ist noch so eine tolle Story in der Story; man beachte dazu die vorherige Illustration genau!) zum größten Brotbaum der Insel:

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Und so, wie es über diesen Baum heißt, „dass seine Wurzeln die Insel umarmten wie eine Mutter ihr Kind“, so schafft es auch Melba Escobar de Nogales, ihre diversen Handlungsstränge, die erhebliche Themenvielfalt zu einem großen Ganzen zu bündeln, welches auf viele Arten funktioniert, etwa als erstaunliche, weil gelungene Kombination aus Entwicklungsroman und Reiseführer voller Lokalkolorit. In jedem Fall eine klare Leseempfehlung!

Und wie üblich erhaltet ihr das Buch beim Buchladen eures Vertrauens, oder direkt bei Baobab.

[© für alle Abbildungen: Elizabeth Builes und Baobab Books, 2018]

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