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Der alte Mann und das Blütenmeer

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Heute schießen wir mal über unsere übliche Alterszielgruppe hinaus und stellen euch ein Buch vor, das ab 12 Jahren empfohlen wird – „Am Ende des Sommers“ der japanischen Autorin Yumoto Kazumi, erschienen bei Baobab:

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Worum geht es? Bekanntlich beeinflusst ja Werner Heisenberg zufolge der Beobachter das Experiment (bzw. die Realität). Zuweilen aber, so zeigt uns jetzt Yumoto Kazumi, ist das Experiment durchaus in der Lage, den Spieß umzudrehen und nun seinerseits auch den Beobachter zu beeinflussen …
Hört sich ziemlich abgehoben theoretisch an? Gut, dann werden wir konkreter.
Japan, Tokio. Es ist Juni. Die Sechstklässer Kiyama, Kawabe und Yamashita sind Freunde und gehen in dieselbe Klasse. Doch schon seit drei Tagen fehlt Yamashita. Der Ich-Erzähler Kiyama erkundigt sich bei Kawabe, was los sei, doch der weiß es auch nicht. Als Yamashita aber am nächsten Tag wieder auftaucht, erklärt er, dass er bei der Beerdigung seiner Großmutter war.
Dies weckt nun große Neugier – wie war es auf der Beerdigung? Wie sieht so ein toter Mensch eigentlich aus? Was ist das überhaupt, dieses Totsein?

Natürlich kann Yamashita nicht alle Fragen beantworten – und daher entwirft Kawabe kurz darauf einen Plan, der sich zunächst ziemlich kaltschnäuzig, wenn nicht gar kaltherzig anhört: im Viertel wohne doch ein alter Mann, der sicher bald sterben werde. Wenn man ihn nun observieren würde, um im Falle seines eintretendes Todes ungefilterte Erkenntnisse erlangen zu können, was genau da vor sich gehe? Seine beiden Freunde reagieren anfänglich fast schockiert – doch andererseits beschäftigt auch sie das Thema der Vergänglichkeit inzwischen sehr. Daher willigen sie schließlich ein.

Und damit beginnt die eigentliche Geschichte – die nämlich von der reziproken Beeinflussung. Und das entwickelt sich alsbald zu einer so anrührend liebevollen, warmherzigen und weisen, jugendgerecht poetischen und philosophischen Erzählung, dass man Kawabe für seinen vordergründig kruden Plan nur danken kann! Denn freilich bleibt dem alten Mann nicht verborgen, dass da drei Lümmel mit ihm unklaren Absichten in seiner Nähe herumlungern; und freilich passt ihm das anfangs kein bisschen. Bald jedoch entsteht aus der unvermeidbaren Zwischenmenschlichkeit der drei Jungs und dem Alten eine immer tiefer gehende Mitmenschlichkeit – und diesem Prozess nun lesend beiwohnen zu können ist nicht nur für eine junge Leserschaft ein großer Gewinn!

Was auch an der wunderbaren Sprache liegt, in der der Roman erzählt wird (Übersetzung aus dem Japanischen: Yoko Koyama und Peter Siebert).
„Ja, was geschieht eigentlich, wenn (…) die letzten Worte von niemandem gehört werden? Wandern diese Worte dann eine Weile durchs Zimmer und erlöschen irgendwann, als sei gar nichts gesagt worden?“
Oder: „Was passiert mit den Erinnerungen, wenn deren Besitzer stirbt? Vielleicht schweben sie eine Weile in der Luft, schmelzen im Regenwasser, dringen in die Erde ein und bleiben dann dort.“
Oder: „Der weiße Rauch, der aus dem Kamin steigt, wird immer dünner und verschmilzt mit dem Blau des Himmels. (…) Oben schaukelt er ein bisschen im Wind, wackelt hin und her, als ob er richtig vergnügt wäre.“
Oder: „Unter dem Asphalt ruht unser Garten, in den wir die Cosmeen gesät hatten.“

Dies also ist eine Geschichte über den Tod, die vom Leben erzählt, vom Bei- und Miteinander und alsbald auch vom Füreinander. Und so wie jedes Leben ist sie durchaus ein kleines Meisterwerk.

Und wie üblich findet ihr das Buch bei eurem Buchladen ums Eck oder direkt bei Baobab.

Ein PS noch zur Altersempfehlung: die ist, auch wegen eines im Buch geschilderten Kriegserlebnisses, sinnvoll und sollte also eher nicht unterschritten werden.

So, what do you think ?