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Erinnerungen, verinnerlicht

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Cineasten ganz allgemein und die Science-Fiction-Fans unter ihnen im Besonderen werden sie zweifelsohne kennen, „Die unglaubliche Geschichte des Mister C.“ – so der Titel des auf dem Buch „Die seltsame Geschichte des Mr. C.“ basierenden Films (der Originaltitel beider lautet: „The Incredible Shrinking Man“). Geschrieben von Richard Matheson, wurde das Buch 1956 veröffentlicht; zusammen mit dem Regisseur Jack Arnold verfasste Matheson dann auch das Drehbuch für Arnolds Film aus dem Jahr 1957. Zu dessen Handlung: Besagter Mister C. gerät während einer Bootsfahrt in Kontakt mit einer eigentümlichen Wolke; daraufhin beginnt er, unaufhaltsam zu schrumpfen.

Natürlich fühlt man sich bei der folgenden Lektüre an diesen Film erinnert – jedoch kommt „Als Oma immer kleiner wurde“ ohne eine dubiose Wolke aus. Stattdessen bedarf es in dem wunderbaren, so poetischen wie philosophischen Buch von Inka Pabst (Text) und Mehrdad Zaeri (Illustration), bei Tulipan erschienen und ab 5 Jahren empfohlen, zunächst nur des natürlichen Alterungsprozesses.

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Und anfangs scheint es ohnehin bloß um Abläufe in dem von großer gegenseitiger Zuneigung geprägten Alltag der Enkelin Peppi und ihrer Großmutter

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zu gehen.
Oma kredenzt leckeres Essen, man kann mit ihr Rateshows im Fernsehen anschauen, und beim gemeinsamen Einkauf trägt natürlich sie die schweren Sachen, denn „Oma ist ja groß“:

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Bald jedoch schleichen sich die im Titel angedeuteten Veränderungen ein. Es fällt zuerst beim Gummihüpfen auf, dann, als Oma sich nicht mehr bücken muss, um einen bestimmten Durchgang passieren zu können, und für das Aufhängen der Wäsche wird plötzlich ein Schemel benötigt:

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Und was die Einkäufe betrifft …

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Was ist da los? Nun, wie bereits gesagt: dass man im Alter kleiner wird, das ist nur normal und natürlich – ebenso wie der Umstand, dass Kinder (und freilich auch Enkelkinder) wachsen, man sich folglich annähert, meist irgendwann in der Größe trifft, und sich das Verhältnis dann oft in umgekehrter Form weiterentwickelt.

Oma allerdings wird kleiner, und kleiner, und immer noch kleiner! Und jetzt verlässt diese großartige Geschichte ihren realistischen Rahmen und wird, siehe oben, poetisch, philosophisch. Denn jetzt steht dieses beständige Weiterschrumpfen nicht mehr nur für den Alterungsprozess an sich, sondern es versinnbildlicht zudem den Umstand, dass dem Altern unausweichlich auch das Vergehen, das Sterben, der Tod folgen werden.

Was aber bedeutet das für Peppi, die Enkelin? Es bedeutet, Abschied nehmen zu müssen, es bedeutet, einen Verlust zu akzeptieren, zu lernen, mit ihm zu leben, und natürlich gehört auch die Trauer dazu …

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Vor allem aber gehört dazu, sich das zu erhalten, was kein Altern und kein Tod nehmen können: die Erinnerungen an die gemeinsame Zeit, die Erinnerungen an die Wärme und die Liebe, an all das Gute, das im Leben derjenigen Person war, die geht, die gegangen ist. Und Peppi verinnerlicht sich das wortwörtlich …

Die in ihrer wunderschönen Schlichtheit so tief berührenden Illustrationen und die gelassene, unaufgeregte Sprache, in der diese Geschichte hier erzählt wird, gehen einträchtig Hand in Hand. Und sie zeigen uns, kleinen wie großen Lesern, auf ihre weise, beruhigende und Mut machende Art, dass ein Ende kein Ende sein muss.

Um noch einmal kurz zum eingangs vorgestellten Mister C. zurückzukommen: jener erkennt zum Schluss, so winzig er auch schon geworden ist und sogar weiterhin noch werden mag: „To God, there is no zero. I still exist.“
Und „Als Oma immer kleiner wurde“ zeigt: In unseren Herzen können wir die bewahren, die uns nahestanden – wir können bewahren, was von Bedeutung war. Dann verschwindet es nicht. Sondern bleibt.

Ihr bekommt dieses exzellente Buch wie üblich bei eurem Buchladen ums Eck oder direkt bei Tulipan.

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